Digital Mass Customization
Interview mit Daniel Baur von duckstance.com im Marketing+Kommunikation Magazin (Ausgabe 5) zum Thema: Wie man als Freelancer oder Agentur das Marketingcredo „Think global – act local“ umsetzen kann.
Was versteckt sich hinter dem Ansatz „Digital Mass Customization“?
Programmierer, Designer und Komponisten produzieren ein Gut oder ein Produkt. Dies ist im Agenturbusiness meist Projektbezogen, also für einen Kunden. Nach einer abgeschlossenen Werbekampagne werden Webseiten-Designs, Lieder, Sourcecodes meist ungenutzt liegen gelassen. Die heutige globale Vernetzung erlaubt es, diese Produkte weiter zu verwenden. So können Designs oder Musik, die hier in der Schweiz für ein bestimmtest Projekt kreiert wurden, für eine Webseite z.B. in der USA verwendet werden.
Ist das nicht ein Problem für Kunden, wenn „Ihre“ Designs weiterverkauft werden?
Natürlich, gerade bei persönlich erstellten Designs ist dieser Ansatz nicht umsetzbar. Die Idee ist auch nur anwendbar für kleine und mittlere Projekte. Doch hier liegt eigentlich der springende Punkt. Kleine Unternehmen oder Start-Ups, die nur wenig Kapital für Werbekampagnen einsetzen können profitieren damit. Mit dem Hintergedanken, dass die erarbeiteten Codesequenzen, Musikstücke oder Designs weiterverkaufen werden können, hat die Agentur die Möglichkeit, die Produkte günstiger anzubieten. So profitieren alle. Die Agentur verdient mehr und der Kunde muss weniger für ein Produkt bezahlen. Andere Agenturen können digitale Projekte ihren Kunden günstiger weiterverkaufen.
Wird auf diese Art und Weise nicht das Agenturbusiness geschwächt, da günstigere Preise angeboten werden?
Im Gegenteil, diese neue Entwicklung ist für Freelancer und kleinere Agenturen eine Chance, sich einen Namen zu machen. Nur gute Produkte werden verkauft. Der Preis wird durch die Nachfrage bestimmt und kann nicht vom Verkäufer festgesetzt werden. So kämpfen alle mit den gleichen Mitteln.
Für Schweizer Agenturen heisst das, dass sie auch direkt oder indirekt mit internationalen Agenturen in Konkurrenz stehen und einfach die besseren Produkte anbieten müssen.
Wenn ich ein Beispiel aus einer anderen Branche, dem Textilmarkt, bringen darf. Früher wurde jedes einzelne T-Shirt handgefertigt. Heute können wir fertige T-Shirts kaufen oder einfach gegen einen Aufpreis das eigene Design auf ein vorproduziertes T-Shirt drucken lassen.
Zur Zeit ist der digitale Markt in der Schweiz noch im Stadium der Handfertigung, was nicht zwingend heissen muss, dass die Qualität besser ist, die Kosten sind aber höher. Der durchschnittliche Kunde braucht aber in den seltensten Fällen eine „Sondergrösse“, daher ist eine Massanfertigung auch nicht nötig.
Wollen Sie uns damit sagen, dass Schweizer Programmierer sozusagen durch Massenproduktion ersetzt werden?
Die Erstellung von digitalen Produkten ist bei der heutigen Vernetzung nicht mehr ortsgebunden. Outsourcing der IT-Strukturen – gerade bei grossen Firmen – wird immer häufiger vorangetrieben. Freelance Plattformen wie oDesk.com oder Freelancer.com erleben einen regelrechten Boom. Auch wir arbeiten mit Personen aus Polen, der Ukraine, Indien oder der USA zusammen. Wir haben festgestellt, dass viele Freelancer zwar gute handwerkliche Arbeit leisten, jedoch wenig mitdenken – oder mitdenken wollen. Gerade hier besteht für Schweizer Agenturen die Chance, sich weltweit zu etablieren. Der Schweizer ist kreativ und kann auch „ausserhalb der Box“ denken. So kann er sich zwar nicht mit dem eigentlichen Handwerk einen Vorsprung schaffen, sondern mit seiner Innovationskraft und hier greift die Pareto-Effizient. Gerade dank dieser Schweizer Innovationskraft muss man den digitalen Weltmarkt als Chance und nicht als Gefahr sehen. Die zwingende Voraussetzung ist nur, dass man genügend innovativ und kreativ agiert. Erfüllt man das nicht, wird man früher oder später durch eine günstigere Arbeitskraft ersetzt werden.
